Sexualisierte Gewalt & Jugendhilfe

Foto: Wilhelmine Wulff / pixelio

Sexualisierte Gewalt & Jugendhilfe2019-03-25T18:49:08+00:00

Sexualisierte Gewalt durch Kinder und Jugendliche – Ein Auftrag für die Jugendhilfe

Wenn von sexueller oder sexualisierter Gewalt gesprochen wird, denken viele Menschen sofort an erwachsene Sexualstraftäter als Täter und an Frauen und Kinder als Opfer. Den wenigsten Menschen ist bewusst oder bekannt, dass sexuelle Übergriffe zu einer großen Zahl auch von Kindern und Jugendlichen begangen werden. Bei sexuellem Missbrauch von Kindern sowie bei sexuellen Gewaltdelikten stellen jugendliche und heranwachsende männliche Deutsche sogar DIE Hochrisikogruppe der Tatverdächtigen dar. Die Tatverdächtigenbelastungszahl dieser jungen Altersgruppe ist in den letzten 20 Jahren erheblich gestiegen.[1]

Eine Studie vom Deutschen Jugendinstituts aus 2011 zeigt bspw. auf, dass sexuelle Übergriffe in Einrichtungen der Jugendhilfe deutlich häufiger vorkommen als in anderen Kontexten. So wurde aus 38,9 Prozent der Heime von Verdachtsfällen hinsichtlich sexueller Übergriffe durch Kinder und Jugendliche berichtet.[2] Kinder in Pflegefamilien oder Einrichtungen der Jugendhilfe stellen hier nicht nur eine Risikogruppe für körperliche Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch durch Mitarbeitende dar, sondern gleichwohl durch gleichaltrige MitbewohnerInnen.[3] Hinzu kommt, dass sich in Einrichtungen der Jugendhilfe häufig Kinder und Jugendliche mit sexualisiertem Verhalten finden, welchen es vor ihrem spezifischen Hintergrund bereits erlebter Beziehungstraumata oft nicht gelingt, sich gegen Übergriffe Gleichaltriger abzugrenzen.[4]

Die Jugendhilfe hat gemäß § 2 SGB VIII einen klaren Auftrag und nicht nur gegenüber potenziellen Opfern sexualisierter Gewalt eine Verpflichtung, sondern auch den jungen Tätern gegenüber, Konzepte zur Arbeit mit sexuell gewalttätigen Jungen / Mädchen zu entwickeln und zu etablieren.[5] Leider werden sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche in der Jugendhilfe immer noch zu wenig beachtet, so dass sich in der Bundesrepublik Deutschland trotz zunehmender Fokussierung dieses Themenbereichs noch immer eine eklatante Unterversorgung in der Hilfelandschaft für sexuell übergriffige junge Menschen zeigt. So kommt es nach einem Vorfall immer wieder vor, dass die grenzverletzenden Kinder und Jugendlichen von stationärer Einrichtung zu stationärer Einrichtung verlegt werden und eine zunehmende Stigmatisierung erfahren, ohne dass ihnen die nötige pädagogische und therapeutische Hilfe zukommt.[6] Im Ergebnis kann das zu langjährigen und kostspieligen Jugendhilfekarrieren führen, die ohne die geeignete Hilfemaßnahme häufig in manifestierten Straftäterkarrieren enden. Sexuell übergriffiges Verhalten „verwächst“ sich nicht einfach, viel mehr ist aus der Forschung zu erwachsenen Sexualstraftätern bekannt, dass sexuell deviantes Verhalten durch eine Wiederholungsstruktur gekennzeichnet ist und sich dieses teufelskreisartige Missbrauchsverhalten ebenso in den Tatmustern Minderjähriger zeigt.[7]

Wie unter dem Punkt „Kriminaltherapie & Kriminalprävention“ ausgeführt, ist es daher elementar wichtig, mit einer zielgerichteten Hilfe zu beginnen, sobald es zu ersten Auffälligkeiten kommt – sowohl um den jungen Menschen einen Weg zu einer straffreien und gesunden Sexualität aufzuzeigen als auch um potenzielle weitere Opfer zu verhindern. Denn jeder Mensch hat ein Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit!

 

[1] Vgl. Elz, Jutta 2016: Zur Häufigkeit sexuell grenzverletzenden Verhaltens junger Menschen im Dunkel- und Hellfeld. S.81 In: Briken, P., Spehr, A., Romer, G., Berner, W. [Hrsg.] 2016: Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche

[2] Deutsches Jugendinstitut e V. [Hrsg.] 2011: Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Jungen in Institutionen. Abschlussbericht. München: Deutsches Jugendinstitut e. V.

[3] Vgl. Hobbs, Georgina F.; Hobbs, Christopher J. & Wynne, Jane M. 1999: Abuse of children in foster and residential care. In: Child Abuse & Neglect. Heft 23/1999, S. 1239-1252.

[4] Vgl. Schuhrke, Bettina & Arnold, Jens 2009: Kinder und Jugendliche mit problematischem sexuellen Verhalten in (teil-) stationären Hilfen zur Erziehung. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. Heft 58/2009, S. 186-214.

[5] Vgl. Meyer-Deters, Werner 2014: 361

[6] Vgl. Albert-Schweitzer-Kinderdorf Hanau [Hrsg]: Konzeption Sozialpädagogische Intensivgruppe für sexuell grenzverletzende Jungen. S. 2 (weblink)

[7] Vgl. Klees, Esther 2016: Geschwisterinzest im Kindes- und Jugendalter. Eine empirische Täterstudie im Kontext internationaler Forschungsergebnisse. Lengerich: Pabst Science Publishers