Individuelle Risikoeinschätzung

Foto: Wilhelmine Wulff / pixelio

Individuelle Risikoeinschätzung2019-04-01T16:22:14+00:00

Kriminalprognostische Risikoeinschätzung von sexuell grenzverletzenden Jugendlichen

Die diagnostische und prognostische Einschätzung sexuell grenzverletzender Verhaltensweisen von Minderjährigen stellt eine essentiell wichtige Grundlage für die weitere Interventionsplanung dar. Sie ist die Basis einer angemessenen Hilfeplanung, welche sowohl die Verbesserung der Persönlichkeitsentwicklung und der Sozialprognose zum Ziel hat als auch die gleichzeitige Vermeidung voreiliger und frühzeitiger Stigmatisierung.[1]

Zur individuellen Risikoeinschätzung wende ich u. a. folgende kriminalprognostische Verfahren an:

AIM-2 (basierend auf dem Initial Assessment Model von Morrison und Ryan)

Unter Anwendung des AIM-2 erfolgt eine ganzheitliche Bewertung des erforderlichen Aufsichtsrahmens, um weiteres delinquentes Verhalten zu verhindern und so den Opferschutz zu gewährleisten. Darüber hinaus werden sowohl die Risikofaktoren als auch die nutzbaren Ressourcen des Jugendlichen herausgearbeitet, um so den Behandlungs- und Interventionsbedarf zu ermitteln.

Der AIM-2 stellt ein wirksames und wissenschaftlich basiertes Assessment-Instrument für die Arbeit mit normalbegabten sexuell grenzverletzenden männlichen Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren dar. Der AIM-2 hilft bei der Analyse der Gefährdung und der Entwicklung eines Schutzkonzeptes für die Arbeit mit sexuell übergriffigen Jugendlichen.

J-SOAP-II (Juvenile Sex Offender Assessment Protocol-II)

Das J-SOAP-II stellt eine Checkliste zur systematischen Erfassung von Risikofaktoren dar, die zum einen mit sexuellen als auch mit anderen Delikten in Zusammenhang stehen. Unter Anwendung des J-SOAP-II  sollen männliche Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren identifiziert werden, die ein erhöhtes Risiko aufweisen, erneute (Sexual-)Straftaten zu begehen.[2]

In der Mehrzahl werden statische Risikofaktoren erfasst, jedoch auch dynamische Risikofaktoren. Schwerpunktmäßig wird das J-SOAP-II zur Risikobegutachtung eingesetzt, um die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls einzuschätzen. Ferner kann es aber auch Hinweise für die Behandlungsplanung dahingehend geben, dass ausgehend von den Ergebnissen Schwerpunkte für die weitere Interventionsmaßnahme abgeleitet werden können. Noch besser ist dafür jedoch das ERASOR geeignet.

ERASOR (Estimate of Risk of Adolescent Sexual Offense Recidivism)

Das ERASOR ist ein klinisch geleitetes Beurteilungsverfahren, um die Wiederholungsgefahr bei jungen Sexualstraftätern in der Altersgruppe der 12 bis 18jährigen einschätzen zu können. Da das ERASOR bei den 25 Items nicht nur über statische Faktoren verfügt, sondern die Mehrheit aus dynamischen Faktoren besteht, ist es nicht nur gut zur Begutachtung und Evaluation anwendbar, sondern auch bei der Behandlungsplanung sowie der Veränderungsmessung im Rahmen der Therapiemaßnahme geeignet.

Bei der Einschätzung der Wiederholungsgefahr ist zu beachten, dass das ERASOR nur Aussagen über das Kurzzeitrisiko und nicht das Langzeitrisiko eines sexuellen Rückfalls trifft.[3]

 

Forensische Prognoseverfahren zur Rückfallwahrscheinlichkeit von erwachsenen Sexualstraftätern

Für die Einschätzung der Rückfallwahrscheinlichkeit erwachsener Sexualstraftäter biete ich derzeit folgende Testverfahren an:

RRS

VRAG / SORAG / VRAG-R

Static-99 / Stable-2007 / Acute-2007

 

[1] Vgl. Hoffmann, S.; Romer, G. 2016: Standards kinder- und Jugendpsychiatrischer Diagnostik bei sexuell grenzverletzendem Verhalten. S. 119 In: Briken, P., Spehr, A., Romer, G., Berner, W. [Hrsg.]: Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche. 4. Auflage 2016

[2] Vgl. Quenzer, C. 2013: J-SOAP-II – Juvenile Sex Offender Assessment Protocol-II. S.39-46 In: Rettenberger, M., von Franqué, F. [Hrsg.]: Handbuch kriminalprognostischer Verfahren. Hogrefe 2013

[3] Vgl. Quenzer, C. 2013: ERASOR – Estimate of Risk of Adolescent Sexual Offense Recidivism. S. 47-54 In: Rettenberger, M., von Franqué, F. [Hrsg.]: Handbuch kriminalprognostischer Verfahren. Hogrefe 2013