Kriminaltherapie & Kriminalprävention

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Kriminaltherapie & Kriminalprävention2019-03-24T17:04:45+00:00

Was hat Kriminaltherapie mit Kriminalprävention zu tun?

Unter Kriminaltherapie versteht man die Therapie/Behandlung von straffälligen Menschen. Das können sowohl erwachsene Straftäter sein als auch Jugendliche, die eine Straftat begangen haben. Eine besondere Bedeutung hat die Kriminaltherapie im Bereich der Sexualstraftaten. Laut König geben bspw. etwa 40 bis 60 Prozent der erwachsenen Sexualstraftäter an, schon in ihrer Kindheit oder Jugend Auffälligkeiten in ihrer sexuellen Entwicklung oder gar sexuell übergriffiges Verhalten gezeigt zu haben.[1] Auch Spehr, Driemeyer und Briken führen andere, ebenfalls retrospektive Studien mit erwachsenen Sexualstraftätern an, nach welchen 50 Prozent der Probanden angaben, bereits in der Kindheit erste sexuelle Grenzverletzungen begangen zu haben und wonach auch den Beginn von Paraphilien 42 Prozent der Probanden vor ihrem 18. Lebensjahr erlebt haben.[2] Selbst Studien über jugendliche Sexualstraftäter belegen, dass die Mehrzahl ihre erste sexuell aggressive Handlung sogar noch vor dem 15. Lebensjahr ausgeübt hat.[3]

Sexuelle Übergriffigkeiten stellen demnach einen Hinweis dafür dar, dass übergriffige Jugendliche zumindest gefährdet sind, in eine langfristige Täterkarriere einzusteigen.[4]

Darüber hinaus wird deutlich, dass möglichst frühzeitige Hilfemaßnahmen für übergriffige Menschen somit im Dienste der Prävention vor weiteren Sexualstraftaten und damit auch im Dienste der Reduzierung von potentiellen Opfern stehen. Hinzu kommt, dass Jungen, die ein spezifisches Programm erfolgreich durchlaufen haben, ein geringeres Rückfallrisiko zeigen.[5] Auch bei erwachsenen Straftätern ist durch eine zielgerichtete Behandlung von einer Reduzierung des Rückfallrisikos auszugehen.[6]

Trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse kommt es immer wieder vor, dass ich gefragt werde, warum ich mit Tätern anstatt mit Opfern arbeite. Für mich stellt die rückfallpräventive Arbeit mit den Tätern jedoch einen wichtigen Beitrag zum Opferschutz dar, so dass sich für mich die Entscheidung Opfer vs. Täter so nicht stellt.

In der Kriminologie spricht man bspw. von drei verschiedenen Ebenen der Kriminalprävention: Primär, sekundär und tertiär. Die primäre Kriminalitätsprävention richtet sich an alle Menschen und zielt darauf ab, den allgemeinen Entstehungsbedingungen von Kriminalität in der Gesellschaft entgegenzuwirken (z. B. durch Wertevermittlung bei Kindern). Bei der sekundären Kriminalitätsprävention geht es darum, potenzielle Tatgelegenheiten zu minimieren (z. B. durch Installation einer Alarmanlage) und adressiert die potenziell gefährdete Personen. Die tertiäre Kriminalprävention jedoch umfasst Maßnahmen, die eine erneute Straffälligkeit verhindern sollen. [7]

Alle drei Ebenen der Kriminalprävention sind nicht nur wichtig, sondern auch nötig. Die tertiäre Kriminalprävention, worunter die Kriminaltherapie oder Täterbehandlung fällt, hat leider nach wie vor wenig Lobby in unserer Gesellschaft. Dabei ist es wichtig, dass auch die Täter in die Verantwortung genommen werden und lernen, so viel Selbstkontrolle zu übernehmen, dass sie keine weiteren Übergriffe an Kindern oder Frauen begehen, sobald sie in Freiheit sind. Die Verurteilung einer Freiheitsstrafe allein reicht zu kurz. Sie ist in der Regel begrenzt und irgendwann werden die Täter wieder in unsere Gesellschaft entlassen, werden Arbeitskollegen, Nachbarn oder stehen in der Supermarktschlange hinter uns. Erfolgt keine deliktpräventive Therapie, stellt sich die Frage, was nach der Inhaftierung anders sein soll als zum Zeitpunkt der Tatbegehung. In einer deliktorientierten, rückfallpräventiven Therapie muss sich die sexuell übergriffige Person jedoch sehr intensiv mit den eigenen Taten und den Folgen für das Opfer auseinandersetzen, die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen und im weiteren Therapieverlauf eine prosoziale Bedürfnisbefriedigung sowie die nötige Selbstkontrolle erlernen. Eine deliktorientierte, rückfallpräventive Therapie orientiert sich dabei anders als eine Psychotherapie nicht an Krankheitssymptomen, sondern an den individuellen Risikofaktoren und Schutzfaktoren/Ressourcen des Klienten. Eine ganze Reihe von Studien zeigt zudem, dass die Rückfallgefahr durch spezifische Behandlung/Therapie gesenkt werden kann.[8] Aus meiner Sicht ist es daher unerlässlich, dass wir jede der drei Ebenen zur Kriminalprävention nutzen, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen – denn jedes verhinderbare Opfer ist ein Opfer zu viel!

Durch mein Fortbildungsangebot für Fachkräfte und Institutionen sowie die Behandlung von sexuell übergriffigen Jugendlichen und von erwachsenen Sexualstraftätern leiste ich einen Beitrag zur sekundären und tertiären Kriminalprävention. So versuche ich aktiv zum Opferschutz beizutragen und etwas wichtiges für unsere Gesellschaft zu tun.

 

[1] Vgl. König, Andrej 2011: Sexuelle Übergriffe durch Kinder und Jugendliche, S. 35 / Longo, R. E., Groth, A. N. (1983). Juvenile sexual offenses in the history of adult rapists and child molesters. In: International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 27, S. 150-155 / Abel, G. G., Osborn, C. A., Twigg, D. A. 1993: Sexual assault through the life span: Adult offenders with juvenile histories. In: Barbaree, H. E., Marshall, W. L., Hudson, S. M. (Eds.): The juvenile sexual offender. New York, Guilford Press

[2] Vgl. ebd. 2016: Das Hamburger Modellprojekt für sexuell auffällige Minderjährige: erste Ergebnisse zu Tatmerkmalen und psychosozialen Risikofaktoren. S. 292 In: Briken, P., Spehr, A., Romer, G., Berner, W. [Hrsg.]: Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche. 4. Auflage 2016

[3] Vgl. Hoffmann, S.; Romer, G. 2016: Standards kinder- und Jugendpsychiatrischer Diagnostik bei sexuell grenzverletzendem Verhalten. S. 120 In: Briken, P., Spehr, A., Romer, G., Berner, W. [Hrsg.]: Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche. 4. Auflage 2016

[4] Vgl. Meyer-Deters, Werner 2014: Was Fritzchen nicht verlernt hat, tut Fritz imm wenoch! Leitlinien in der Arbeit mit kindlichen und jugendlichen Tätern. In: Zart war ich, bitter war’s. Von: Enders, Ursula [Hrsg.] S. 361

[5] Vgl. Spehr, A., Driemeyer, W., Briken, P. 2016: 292; Spitczok von Brisinski, I., Gruber, T., Hinrichs, G., Köhler, D., Schaff, D. 2006: Diagnostik und Therapie sexuell delinquenten Verhaltens bei Jugendlichen. Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, S. 58-83.

[6] Vgl. Spöhr, Melanie 2009: Sozialtherapie von Sexualstraftätern im Justizvollzug: Praxis und Evaluation. Bundesministerium der Justiz [Hrsg.], S. 158 ff. Verfügbar unter: https://www.krimz.de/fileadmin/dateiablage/E-Publikationen/Sozialtherapie_von_Sexualstraftaetern_im_Justizvollzug.pdf

[7] Vgl. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Kriminalprävention. Verfügbar unter: https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/kriminalitaetsbekaempfung-und-gefahrenabwehr/kriminalpraevention/kriminalpraevention-node.html

[8] Hier sei auf folgenden Artikel von Gregor Groß & Norbert Nedopil von 2017 verwiesen: Basisraten für kriminelle Rückfälle – Ergebnisse einer Literaturübersicht. S. 127-156 In: Kobbé, Ulrich [Hrsg.]: Forensische Prognosen. Ein transdisziplinäres Praxismanual. Standards. Leitfäden. Kritik. Pabst 2017